Wie rettet man den Lokaljournalismus ins KI-Zeitalter? Mit Kooperation, Forschung und Entwicklung – und dem Mut, das Produkt Zeitung neu zu denken. Genau das haben sich DRIVE local e.V. und das Projekt Local_Vocal auf die Fahne geschrieben: Als erster branchenweiter KI-Accelerator für Lokalzeitungen bündeln sie die Kräfte von mehr als einem Dutzend regionaler Verlage, unterstützt von der dpa und dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI). Die zentralen Fragen: Wie kann Zeitung auch im KI-Zeitalter echten Mehrwert schaffen? Wie kann sie die nachwachsende Generation so von sich überzeugen, dass diese die Angebote in Zukunft nicht nur intensiv nutzt, sondern auch angemessen dafür zahlt?
Immer stärker drängt sich dabei der Verdacht auf, dass die Erfolgsrezepte aus 200 Jahren gedrucktem Generalanzeiger darauf keine Antworten geben können. Verleger-Legende Alfred Neven Du Mont (1927-2015) ahnte schon zur Jahrtausendwende: „Unsere größte Herausforderung im Internet-Zeitalter ist der junge Mensch.“
Dieser junge Mensch ist geprägt von Streaming und Gaming. Er lässt sich die Welt auf Social Media von Creator und KI-Bots erklären. Und statt sich auf sperrige Texte einzulassen, verbringt er Stunden mit Podcast-Audio, Vertical Video, Liveticker und interaktiven Datentools. Wie kann sich Lokalzeitung da behaupten?
Funktion und Produkt trennen
Sie kann. Wenn sie das erste Gebot der digitalen Transformation beherzigt. Trenne Funktion und Produkt. Zentrale Aufgabe des Journalismus sei gerade im Lokalen „der Anwalt des Gesprächs zu sein“, mahnte der Wissenschaftspolitiker und Publizistikforscher Peter Glotz (1939-2005) schon vor mehr als 40 Jahren. In Zeiten einer zunehmenden Polarisierung und wachsender gesellschaftlicher Fliehkräfte ist Lokalzeitung mehr denn je als Moderator der Gemeinschaft vor Ort gefragt.
Gert Ysebaert, Chef der Mediengruppe Mediahuis und Präsident der INMA, wird nicht müde, die Zeitenwende und die notwendigen strategischen Konsequenzen zu beschreiben. Es gehe für Zeitungsmarken nicht mehr darum, von den Kunden gefunden, sondern bewusst ausgewählt zu werden. „Erste Priorität muss es deshalb sein, Vertrauensbeziehungen aufzubauen, gerade auch zu den Jüngeren.“ Sei das erst einmal gelungen, lasse sich die Kundenbeziehung entwickeln und vertiefen. „Dafür müssen wir uns aber immer wieder fragen: was wollen die Menschen vor Ort wirklich? Was erwarten sie von uns? Das wiederum müssen wir in die Formen bringen, die sie bevorzugen. Und das sind nicht nur lange Texte.“ Langfristige Bezahlbeziehungen aufzubauen, bedeute gemeinsam mit den Menschen völlig neue Nutzungsgewohnheiten zu entwickeln. „Und das wird nichts mehr mit dem zu tun haben, was wir bislang gemacht haben.“
Der erstmals in dieser Form von Ippen.Media und DRIVE initiierte und von mehr als 100 Zeitungstiteln im deutschsprachigen Raum unterstützte „Tag des Lokaljournalismus“ am 5. Mai 2026 hat auf beeindruckende Weise gezeigt, wie sehr Lokalzeitung Menschen aller Generationen erreicht, wenn sie nahbar ist. Wenn sie zuhört und über alle Kanäle hinweg und frei von den engen Grenzen des traditionellen Printprodukts auch denen eine Stimme gibt, die sonst nicht gehört werden. Zugleich zeigt sich dabei, dass eine Lokalzeitung, die sich ihrer Funktion bewusst ist, alle Chancen hat, zu einem Vertrauensanker gegen eine von Fakes und KI-Manipulationen getriebene digitale Verunsicherung zu werden.

Vielfach aber kreisen Redaktion und Verlag immer noch um Herstellung und Vertrieb der täglichen gedruckten Ausgabe. Quantitative Mengengerüste für das Befüllen von Seiten rangieren vielerorts vor Qualität, Relevanz und persönlicher Begegnung. Hinzu kommt, dass das Nutzungserlebnis einer textlastigen Zeitungsseite oder ihrer digitalen E-Paper-Kopie von der Generation TikTok schon beinahe als Zumutung empfunden wird.
Will Lokalzeitung aber auch die Jungen gewinnen, kann sie dem Vergleich mit den bevorzugten interaktiven und audiovisuellen Digitalangeboten nicht ausweichen. Die gute Nachricht dabei lautet: folgt Zeitung den Vorgaben ihrer Funktion und nicht denen eines auslaufenden Produkts, bieten Künstliche Intelligenz und digitale Technologien unendliche Möglichkeiten werthaltige Angebote zu schaffen, die gerade auch den Nutzungserwartungen der nächsten Generation gerecht werden.
Projekt Local_Vocal
Hier setzt das Projekt Local_Vocal an. Die Künstliche Intelligenz entwickelt sich in atemberaubender Geschwindigkeit. Diese in der Menschheitsgeschichte beispiellose „exponentielle“ Dynamik überrollt Unternehmen und Institutionen.
Da erscheinen zwei Konsequenzen naheliegend:
- Entwicklung, Erprobung und Anwendung von KI verlangen branchenweite Kooperation. Nur so lassen sich die Risiken einer agilen und offensiven Anwendungsstrategie auf viele Schultern verteilen. Nur so entsteht kostenschonende Skalierbarkeit und eine effiziente Projektkultur, in der die Lernkurven flach bleiben, Fehler nur einmal gemacht und Erfolgsrezepte schnell und pragmatisch geteilt werden.
- Das Rennen um die nächsten Entwicklungsschritte der KI verläuft global. In immer kürzeren Zyklen erreichen neue Algorithmen die Anwender. Wer Schritt halten will, der braucht den direkten Zugang zu KI-naher Forschung und Entwicklung.
Local_Vocal versteht sich als ein KI-Accelerator für lokale Medien und ist eine offene Kooperationsplattform zwischen regionalen Zeitungsverlagen und dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) in Kaiserslautern. Getragen wird Local_Vocal vom DRIVE local e.V., einem 2026 gegründeten Verein zur Förderung der digitalen Transformation regionaler Tageszeitungen. Unter den 15 Gründungsmitgliedern sind 13 deutsche Verlage sowie die dpa und Highberg/Schickler, die 2020 bereits das Daten- und KI-Projekt DRIVE aus der Taufe gehoben hatten. DRIVE, die Digital Revenue Initiative, gilt als bester Beweis für die Schlagkraft neuer verlagsübergreifender Kooperationen.
Aus Sicht von Andreas Müller, CEO des Medienhauses Aachener Zeitung und Vorsitzender des DRIVE local e.V. sind die Gründung des Vereins und das Projekt Local_Vocal zwingende nächste Schritte. „Der Abschied von Print und die dynamische Entwicklung der Künstlichen Intelligenz fordern von uns Antworten auf die Frage, was Lokalzeitung zukünftig sein kann und soll. Es geht um werthaltige neue Angebote, mit denen wir auch die nächste Generation für den Lokaljournalismus gewinnen.“
Um forschungsintensive Projekte wie Local_Vocal finanzieren zu können, wirbt der DRIVE local e.V. um öffentliche Fördermittel. Anders als bei den vieldiskutierten Formen einer öffentlichen Journalismus- oder Medienförderung geht das Konzept des Vereins davon aus, dass auch Zeitungsverlage eine mittelständische Branche im tiefgreifenden digitalen Wandel sind. Wenn sie dabei mit Wissenschafts- und Forschungspartnern kooperieren, sollten sie die gleichen Förderoptionen nutzen können wie andere Wirtschaftszweige.
Die Landesregierungen in Nordrhein-Westfalen und Rheinland-Pfalz sind die ersten öffentlichen Partner, die das Modell mit Zuwendungen unterstützen. „Der Lokaljournalismus ist Grundlage für den demokratischen Diskurs vor Ort und fördert den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Um ihn zu erhalten, braucht es Angebote, die auch die Jüngeren überzeugen und die Grundlage für neue und nachhaltige Geschäftsmodelle sein können“, begründete NRW-Medienminister Nathanael Liminski (CDU) die Entscheidung. „Die Macher dieses Projekts kommen ihrer besonderen unternehmerischen Verantwortung nach, schaffen neue und nachhaltige Geschäftsmodelle, sichern auf diese Weise Medienvielfalt und stärken damit auch die Demokratie.“ Daher sei die Unterstützung eine „gute Investition“ für das Land.
Heike Raab (SPD), die scheidende Medien-Staatssekretärin von Rheinland-Pfalz, betonte: „Solche Initiativen sind unverzichtbar für die lokale und regionale Informationsvermittlung, gerade in Zeiten, in denen journalistisch redaktionell gestaltete Inhalte die Währung der Demokratie sind.“
Dank der Unterstützung der beiden Landesregierungen kann das Local_Vocal-Projektteam aus DFKI und DRIVE nun daran gehen, erste Projekte zu konzipieren und mit den beteiligten Verlagen vor Ort zu erproben. In NRW sind Lensing Medien (Dortmund), Aschendorff Medien (Münster) und die Neue Westfälische (Bielefeld) dabei, in Rheinland-Pfalz VRM (Mainz) und Rheinpfalz (Ludwigshafen).
Der DRIVE local e.V. ist entsprechend seiner Satzung offen für jeden deutschen Verlag, der eine regionale Abonnement-Tageszeitung herausgibt. Die Gespräche mit weiteren Landesregierungen und weiteren lokalen Medienhäusern laufen.
Trusted Local Agent
Ausgangspunkt von Local_Vocal ist die Überlegung, dass Lokalzeitung von einem Anwender von KI selber zu einem KI-Agenten werden könnte. Dieser Trusted Local Agent (TLA) wäre so etwas wie ein hochpersonalisierter digitaler Lotse für den Alltag vor Ort, der aber gegenüber den üblichen KI-Angeboten der Plattformen einen unschätzbaren Vorteil hätte. Er nutzt die Vertrauenswürdigkeit der Zeitungsmarke. Das heißt beispielsweise, dass die Verwendung persönlicher Daten und die Ziele des Algorithmus so transparent und offen sein müssen wie der Zugang zu Geschäftsstelle und Redaktion.
Dieser lokale Lebensbegleiter würde über zahlreiche Fähigkeiten und Kompetenzen verfügen. Er kennt die persönlichen Präferenzen und Interessen seiner Nutzerinnen und Nutzer, er hält auf dem Laufenden, er recherchiert, er schlägt vor und vielleicht bucht und bestellt er dereinst sogar, wenn dies vom Kunden so gewollt ist.
Wie könnte eine erste Begegnung zwischen dem Trusted Local Agent und den Nutzenden aussehen? Was könnte eine erste Fähigkeit sein, mit der er sich vorstellt und einführt? Das Local_Vocal-Team experimentiert mit einem kompakten und niedrigschwelligen lokalen Informationsangebot, das wie ein morgendlicher Küchen-Zuruf aus der Redaktion die lokale Gemeinschaft erreicht. Jede und jeder entscheidet selbst, ob „Wie geht’s meiner Stadt heute?“ eher als launiges Audio- oder Videoangebot mit wählbaren Sprechern daherkommt oder vielleicht doch eher im nüchternen Newsletter- oder Messenger-Format. Der Service soll im Lichte der lokalen Nachrichtenlage – Wetter und Verkehr inklusive – die morgendliche Stimmungslage beschreiben, mit der die Stadtcommunity in den Tag geht.
Damit unterstreicht Lokalzeitung einen Anspruch, der zwischen dem Einbruch der Printauflagen und dem Etablieren harter Paywalls zunehmend verloren zu gehen drohte: den Anspruch ein Angebot für wirklich alle zu sein. Wenn Lokalzeitung zum Nischenprodukt wird, verspielt sie ihre Existenzgrundlage als Kümmerer der gesamten lokalen Community. Deshalb wäre „Wie geht’s meiner Stadt?“ ein kostenfreies Einstiegsangebot für jeden. Was die Redaktion dafür auswählt und kuratiert, kann die KI in jeder sinnvollen Variante ausspielen, einschließlich verschiedener Fremdsprachen. Hauptsache „Wie geht’s meiner Stadt?“ ist wirklich „Talk of town“.
In der neuen digitalen Informationswelt ist die Tageszeitung nicht mehr das alternativlose „Need“-Produkt der Print-Ära. Stattdessen muss sie sich als sogenanntes „Want“-Produkt bewähren. „Wir werden nicht mehr gesucht, sondern erwählt“, hat Gert Ysebaert diesen grundlegenden Shift beschrieben.
Dies wird aber nur gelingen, wenn Zeitungsmarken wie in den alten Zeiten des gedruckten und alternativlosen „Need“-Produkts eine tiefe und loyale Beziehung zu den Nutzerinnen und Nutzern aufbauen können. In der Welt der „Want“-Produkte spielen dabei emotionale Erwägungen eine deutlich größere Rolle als die nüchternen Kosten/Nutzen-Abwägungen für ein „Need“-Angebot. Wie also kann Lokalzeitung in Zukunft nicht nur ein „Trusted Local Agent“ sein, sondern auch ein „Local Love Brand“?
Hier zeichnet sich ein weiterer Projekt-Schwerpunkt für Local_Vocal ab. Die klassischen Konzepte und Systeme von Customer-Relationship-Management (CRM) sind auf die Pflege eines Abo-Bestandes ausgelegt. Ein umfassendes Touchpoint-Management, das potentielle Kunden schon beim ersten Kontakt mit der Marke erfasst und einen systematischen Beziehungsaufbau erlaubt, ist Voraussetzung für zukunftsfähige lokale Marktstrategien. Auch hier verspricht die KI Quantensprünge.
Bei alldem profitiert Local-Vocal von der inzwischen bewährten Kooperations- und Innovationskultur von DRIVE. Neue Ansätze werden in agilen Sprints und im vergleichenden A/B-Testing angegangen. Umfassende Daten sichern Annahmen ab und ermöglichen jedem Verlag die ehrliche Positionsbestimmung im Benchmarking.

Ein wichtiges Element ist die intensive Zusammenarbeit mit jungen Fokusgruppen. Hier kommt das von der Nachrichtenkompetenz-Initiative #UseTheNews betriebene Competence Center Young Audience (CCYA) in Hamburg ins Spiel. Unter anderem unterstützt bereits das Hamburger Abendblatt bei diesem Austausch mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen.
Titelfoto: Ein zentraler Baustein von Local_Vocal ist die Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Fokusgruppen wie hier im Competence Center Young Audience (CCYA) von #UseTheNews
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