Wenn aus den USA die ersten Ergebnisse einlaufen, zählt jede Sekunde – und jede Zahl muss stimmen. Konstantin Bessonov, Product Owner von dpa-ElectionsLive spricht darüber, wie Teams in Deutschland und den USA zusammenarbeiten, warum die Kooperation
mit AP dabei entscheidend ist und wie auch unter hohem Zeitdruck aus komplexen Wahldaten verlässliche Live-Grafiken werden.
Um erst einmal die Grundlagen zu klären: Welche Wahlen und politischen Ämter stehen bei den US-Midterms auf dem Stimmzettel?
Konstantin Bessonov: Der US-Kongress wird neu gewählt. Das ist der Senat und das Repräsentantenhaus, also das Parlament der USA. International ist Donald Trump als US-Präsident stark im Fokus, dabei sind diese beiden Organe das Herzstück der US-Demokratie. Hier werden Gesetze diskutiert und verabschiedet, der Haushalt beschlossen oder auch Misstrauensvoten gegen den Präsidenten gestellt. Über kurz oder lang geht fast nichts am Kongress vorbei. Deshalb kämpfen Demokraten und Republikaner hart um die Mehrheit in beiden Kammern. Am 3. November wird ein Drittel des Senats und das gesamte Repräsentantenhaus neu gewählt.
Und welche konkreten Auswirkungen kann der Ausgang der Midterms auf die politische Arbeit des Präsidenten und die Mehrheitsverhältnisse im Kongress haben?
Konstantin Bessonov: Aktuell führen Republikaner beide Kammern mit einer Mehrheit. Das erleichtert Donald Trump das Regieren. Sollten Demokraten auch nur eine der beiden Kammern gewinnen – und danach sieht es laut Prognosen aus – müsste Trump mit deutlich mehr Widerstand rechnen. Die Außenpolitik und der Krieg im Iran, die Finanzierung des Gesundheitssystems, die Regulierung großer Tech-Konzerne oder das Budget der Einwanderungsbehörde – auf wichtige Entscheidungen hätten Demokraten deutlich mehr Einfluss.
Nun zu eurer Arbeit bei dpa-ElectionsLive: Wie arbeitet ihr an einem internationalen Wahlabend zusammen?
Konstantin Bessonov: Als internationales Team. Wir arbeiten eng mit der dpa-Basisredaktion zusammen, stimmen uns ab mit unseren Büros in den USA und halten einen direkten Draht zur Redaktion von AP, der unabhängigen amerikanischen Nachrichtenagentur. Diese kurzen Wege sind entscheidend in einer Wahlnacht. Nachrichten verbreiten sich nahezu in Echtzeit und Entscheidungen müssen blitzschnell getroffen werden. Das geht nur in direkter Absprache.
Und als lokale Einheit. In unserem Hamburger Büro arbeiten Redaktion und Technik Hand in Hand. Unser Team kennt alle Details der Wahl, steht mit den offiziellen Quellen für die Wahldaten in Kontakt und prüft Zahlen und Grafiken kontinuierlich. Unsere Developer sorgen dafür, dass Ergebnisse automatisch und zuverlässig in unsere Systeme und Grafiken einlaufen. Das testen wir lange vor der Wahl – und trotzdem kann in der Wahlnacht Unerwartetes passieren: Die Auszählung stockt, eine Behörde ändert unerwartet das Datenformat. Dann stimmen wir uns ab und finden eine Lösung. Diese Atmosphäre erinnert ein wenig an einen Raketenstart: Die Konzentration vor den ersten offiziellen Zahlen und das Wissen, es kommt auf jede und jeden an.
„Diese Atmosphäre erinnert ein wenig an einen Raketenstart: Die Konzentration vor den ersten offiziellen Zahlen und das Wissen, es kommt auf jede und jeden an.“ Konstantin Bessonov, Product Owner dpa-ElectionsLive
Worin unterscheidet sich die Aufbereitung der Midterms von einer Präsidentschaftswahl?
Konstantin Bessonov: Im Grunde gar nicht. Für uns sind beide Wahlen wichtig. Wir veröffentlichen Ergebnisse in Echtzeit, für beide Wahlen. Medial hat die Präsidentschaftswahl eine andere Größe. Da geht es um die Fragen: Wer beerbt Donald Trump bei den Republikanern? Schaffen die Demokraten einen politischen Neuanfang? Die Midterms sind so etwas wie eine Trainingsrunde für diesen Schlagabtausch – die Playoffs sozusagen. Die Frage, wer wird nächster US-Präsident oder die nächste US-Präsidentin, schwingt schon jetzt deutlich mit.
Und wie koordiniert ihr euch mit den dpa-Auslandskorrespondentinnen und -korrespondenten in den USA?
Konstantin Bessonov: Wir schalten uns zusammen, sprechen über zentrale Themen sowie den Wahl-Ablauf und halten uns auf Stand. Besonders wichtig ist in jedem Jahr die Frage: Woher kommen unsere Ergebnisdaten?

Zu eurer konkreten Arbeit: Wie bildet ihr die unterschiedlichen Wahlsysteme und Regeln der einzelnen Bundesstaaten in ElectionsLive ab?
Konstantin Bessonov: Unsere Grafiken zeigen auf einen Blick: Wer hat die Mehrheit? Wer tiefer einsteigen will, kann Suchen, Tabellen und Karten nutzen. Diese zeigen, wo wird ein Senatssitz neu gewählt und wer führt in welchem Bundesstaat? Dazu erklären wir in Kürze das Wichtigste der Wahl mit Infotexten und liefern ein ausführliches FAQ an unsere Kunden.
Wie prüft ihr die Qualität und Verlässlichkeit der Daten, bevor sie in die Live-Grafiken einfließen?
Konstantin: Unsere wichtigste Regel ist: „Be first, but first be right“. Wir liefern Daten schnell, aber erst, wenn wir sicher sind, dass sie richtig sind. Wir wissen um den sensiblen Wert von Wahlergebnissen für eine Demokratie und haben eine große Verantwortung. Damit wir sie wahrnehmen können, helfen uns klare Regeln und umfangreiche Tests. Intern und mit unseren Kunden, vor jeder Wahl.
Mehr über die Arbeit von dpa-ElectionsLive erfahren? Hier am Beispiel der Präsidentschaftswahl in Ungarn:
Blick hinter die Kulisse bei dpa-ElectionsLive
Welche Quellen für die Wahldaten nutzt ihr bei den Midterms, und wie prüft ihr deren Qualität und Verlässlichkeit?
Konstantin Bessonov: Wir arbeiten eng mit AP News zusammen, der größten US-Nachrichtenagentur. So kommen Wahlergebnisse von der Quelle direkt in unsere Systeme und an unsere Kunden. Unsere enge Partnerschaft mit AP hilft uns sehr. Damit können wir garantieren, dass wir schnell, zuverlässig, transparent und einheitlich unsere Daten und Nachrichten publizieren.
Und wie entscheidet ihr, welche Informationen in der Darstellung besonders hervorgehoben werden?
Konstantin Bessonov: Da helfen Erfahrung und Kommunikation. Wir prüfen jedes Element, diskutieren, wie es sich verhalten soll, wägen ab und holen Kunden-Feedback ein. So entstehen Grafiken, die nicht nur für eine Person sinnvoll sind, sondern für möglichst viele Menschen.
Und zum Abschluss: Wie stellt ihr sicher, dass die Visualisierung trotz der politischen Komplexität neutral und verständlich bleibt?
Konstantin Bessonov: Alle Wahlgrafiken lassen sich intuitiv bedienen und sind klar und verständlich, das ist unsere Leitlinie im Design. Wir setzen gut lesbare Typografie ein, achten auf aufgeräumte, strukturierte Elemente und kontrastreiche Farben. Wir bewerten nicht, sondern stellen dar – so klar und einfach wie möglich. Dazu kommen Standards der Barrierefreiheit. Die sorgen dafür, dass unsere Grafiken für möglichst viele Menschen nutzbar sind.
Das Interview führte Letizia Scalisi, dpa-Marketing. Titelfoto: AP.
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