Nachrichtenkompetenz: Journalismus und Lebenswelt
#UseTheNews

Wenn Journalismus an der Lebenswelt vorbeigeht

Die Diagnose scheint in vielen Redaktionen längst festzustehen: Junge Menschen interessieren sich kaum noch für Nachrichten, die Nachrichtenkompetenz sinkt. Sie verbringen ihre Zeit auf TikTok, folgen Influencern statt Medienmarken und konsumieren nur noch kurze, unterhaltende Inhalte. Die naheliegende Konsequenz lautet dann häufig: Journalismus müsse „cooler“, schneller oder plattformgerechter werden. Doch diese Sichtweise verwechselt ein Reichweitenproblem mit einem Relevanzproblem. Die Forschung und Praxisarbeit von #UseTheNews zeichnet ein differenzierteres Bild: Junge Menschen wenden sich nicht grundsätzlich von Information oder gesellschaftlichen Themen ab. Viele fühlen sich vielmehr von klassischen journalistischen Angeboten nicht angesprochen, nicht repräsentiert oder schlicht nicht gemeint. Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr nur, wie Medienhäuser junge Zielgruppen erreichen können, sondern wie sie deren Vertrauen (zurück)gewinnen können.

Die bequeme Fehlannahme der Branche

Sinkende Reichweiten, fehlende Zahlungsbereitschaft, geringe Nutzung klassischer Nachrichtenangebote – die Gen Z scheint schlicht das Interesse an Nachrichten verloren zu haben. Aber stimmt das wirklich? Die Realität ist deutlich komplexer.

Junge Menschen informieren sich heute permanent – allerdings ganz anders als frühere Generationen: fragmentierter, plattformbasiert und meist beiläufig. So werden Nachrichten selten aktiv gesucht, sondern passiv entdeckt: Junge Menschen scrollen durch ihre Feeds und stoßen nebenbei auf politische oder gesellschaftliche Inhalte – eingebettet zwischen Unterhaltung, Lifestyle und persönlichen Themen. Informationen erreichen sie somit immer weniger über Nachrichtensendungen oder Websites, sondern mehr und mehr über algorithmisch kuratierte Feeds, Messenger-Gruppen, Creator und persönliche Netzwerke.

Die Vorstellung einer homogenen „jungen Zielgruppe“ greift dabei zu kurz. Die #UseTheNews-Grundlagenforschung zeigt, wie heterogen die Informationsnutzung unter 14- bis 24-Jährigen tatsächlich ist: Es gibt junge Menschen mit hohem Nachrichteninteresse, die sich intensiv journalistisch informieren. Andere nutzen journalistische und nicht-journalistische Quellen parallel. Wieder andere informieren sich fast ausschließlich über Content Creator, Social Media und persönliche Netzwerke. Die Gruppe der sogenannten „gering Informationsorientierten“ hat dabei kaum Berührungspunkte mit journalistischen Inhalten.

Zu dieser Gruppe, die rund ein Drittel der 14- bis 24-Jährigen ausmacht, gehören überproportional häufig formal geringer gebildete Jugendliche, die über TikTok, Instagram oder YouTube beiläufig auf Informationen stoßen. TikTok erzeugt dabei häufig ein Gefühl permanenter Informiertheit: Viele Jugendliche beschreiben, das Gefühl zu haben, „mitzubekommen, was gerade passiert“ – während gleichzeitig die vertiefende Einordnung fehlt.

Klassische Nachrichtenangebote spielen in ihrer Medienrealität kaum eine Rolle, was jedoch nicht automatisch Desinteresse an gesellschaftlichen Themen bedeutet. Viele interessieren sich durchaus für Fragen, die ihre Lebenswelt unmittelbar betreffen: psychische Gesundheit, soziale Ungleichheit, Diskriminierung, Bildungschancen oder wirtschaftliche Unsicherheit. Entscheidend ist, ob diese Themen für sie relevant, verständlich und nahbar vermittelt werden.

Genau hier beginnt das eigentliche Problem.

Das eigentliche Problem: Entfremdung und Vertrauensverlust

In Gesprächen mit Jugendlichen zeigt sich ein wiederkehrendes Muster: Klassischer Journalismus wirkt auf viele von ihnen zu weit weg von ihrer Lebenswelt. Medien sprechen über junge Menschen – aber zu selten mit ihnen. Besonders deutlich wird das bei Jugendlichen, die sich oder ihre Lebensrealität in der Berichterstattung nicht repräsentiert sehen. Vor allem junge Menschen mit geringer formaler Bildung oder Migrationsgeschichte äußern häufig das Gefühl, dass ihre Erfahrungen im öffentlichen Diskurs kaum vorkommen.

Diese Entfremdung hat weitreichende Folgen: Wer Medien vor allem als abstrakte Institution wahrnimmt, entwickelt seltener Vertrauen – nicht aus grundsätzlicher Ablehnung, sondern weil die Beziehung zu journalistischen Angeboten fehlt.

Berliner Schülerinnen und Schüler auf einem Newscamp von UseTheNews und Publix, Foto: Karolina Granja

Was dabei häufig als Desinteresse interpretiert wird, ist tatsächlich oft mangelnde Anschlussfähigkeit. Politik erscheint vielen jungen Menschen abstrakt, komplex und weit entfernt vom eigenen Leben. Hinzu kommt ein geringes Gefühl von Selbstwirksamkeit: Wer den Eindruck hat, ohnehin wenig Einfluss auf gesellschaftliche Prozesse zu haben, zieht sich leichter zurück.

Gerade deshalb reicht es nicht, journalistische Inhalte lediglich auf neue Plattformen zu übertragen. Die eigentliche Frage ist, ob Journalismus als relevant für die eigene Lebenswelt wahrgenommen wird – und wer diese Lücke füllt, wenn er es nicht tut.

Junge Menschen suchen Orientierung, nicht nur Information

Wo klassische journalistische Angebote an Anschlussfähigkeit verlieren, gewinnen andere Akteure an Bedeutung. Ein 15-jähriger Schüler beschreibt in einer #UseTheNews-Studie von 2023 den TikToker und Content Creator „Herr Anwalt“ als jemanden, der „einfach die Fakten ausspricht“. Für ihn ist Herr Anwalt „wie so ein Nachrichtenreporter“. Content Creator übernehmen damit eine Orientierungsfunktion, die einst fest in der Hand klassischer Medien lag.

Gleichzeitig stimmt die verbreitete These, junge Menschen vertrauten Influencern mehr als journalistischen Medien, nur teilweise. Die #UseTheNews-Studie von 2022 zeigt vielmehr, dass junge Menschen sehr wohl zwischen journalistischen und nicht-journalistischen Akteuren unterscheiden können und Journalismus weiterhin mit klassischen Qualitätskriterien wie Objektivität, Recherche und Faktenorientierung verbinden. Gleichzeitig erfüllen Creator Bedürfnisse, die viele Redaktionen bislang kaum adressieren.

Die #UseTheNews-Forschung identifiziert in diesem Zusammenhang sechs zentrale Nutzungsmotive junger Menschen: Unterhaltung, Inspiration, soziale Nähe, Zugehörigkeit zur Peergroup, Orientierung & Wertevermittlung sowie Wissen & Information. Journalistische Angebote konzentrieren sich traditionell fast ausschließlich auf die Vermittlung von Wissen und Information. Creator bedienen hingegen oft mehrere dieser Bedürfnisse gleichzeitig und schaffen dadurch Nähe, Vertrauen und ein Gemeinschaftsgefühl, das weit über den einzelnen Inhalt hinausgeht.

Für Redaktionen stellt sich damit die Frage: Wie lässt sich der Erfolg von Content Creator für den Journalismus sinnvoll übersetzen – in Formate, die informieren und gleichzeitig verbinden?

Vertrauen entsteht dort, wo Journalismus sichtbar und erfahrbar wird

Eine der wichtigsten Erkenntnisse aus unserer Arbeit bei #UseTheNews lautet: Junge Menschen wollen nachvollziehen können, wie Journalismus funktioniert, wer dahintersteht und warum bestimmte Entscheidungen getroffen werden. In Gesprächen mit Jugendlichen hören wir immer wieder ähnliche Fragen: Wer entscheidet, welche Themen wichtig sind? Wie werden Informationen überprüft? Warum berichten Medien so negativ? Und warum kommen bestimmte Perspektiven kaum vor?

Diese Fragen zeigen vor allem eines: Viele junge Menschen haben kaum Einblick in journalistische Prozesse. Journalismus wirkt auf sie häufig wie eine „Black Box“. Formate, die Nähe und Transparenz schaffen, können das ändern und sie funktionieren dort besonders gut, wo sie Journalismus erfahrbar statt erklärbar machen.

Ein Beispiel dafür sind die Newscamps unseres #UseTheNews-Partnernetzwerks. Bei diesen Mitmach-Events tauchen Schülerinnen und Schüler in die Welt des Journalismus ein: Sie produzieren eigene Inhalte, tauschen sich mit Journalistinnen und Journalisten aus, lernen, wie redaktionelle Entscheidungen entstehen und wie man Desinformation erkennt. Das übergreifende Ziel ist Nachrichtenkompetenz nicht nur zu vermitteln, sondern erfahrbar zu machen. Seit 2024 konnten bereits über 80 Newscamps bundesweit umgesetzt werden.

Ähnliche Erfahrungen entstehen beim „Tag des Lokaljournalismus“. Am 5. Mai 2026 öffneten über 100 Lokalredaktionen im deutschsprachigen Raum ihre Türen, machten ihre Arbeit sichtbar und suchten den direkten Dialog mit ihrem Publikum. #UseTheNews war als Partner des von Ippen.Media und der Verlagsinitiative DRIVE initiierten Aktionstages dabei und setzte Veranstaltungen unter anderem für Schulklassen um.

Das Entscheidende dabei: Diese Formate funktionieren nicht als klassische Wissensvermittlung „von oben herab“, sondern als Dialog. Viele Medienpartner berichten, dass sie dabei direkt erleben, wie junge Menschen Nachrichten konsumieren, welche Themen sie beschäftigen und welche Erwartungen sie an Journalismus haben. Eine Perspektive, die häufig auch die redaktionelle Arbeit selbst verändert.

Warum Nachrichtenkompetenz zur Zukunftsaufgabe wird

Derartige Begegnungen und Dialog-Formate sind wichtig, aber sie erreichen noch zu wenige. Denn die eigentliche Herausforderung liegt nicht nur darin, einzelne Jugendliche für Journalismus zu begeistern. Sie liegt darin, Nachrichtenkompetenz systematisch und dauerhaft zu verankern – in Schulen, im Alltag, in der Gesellschaft.

Nachrichtenkompetenz ist deshalb heute weit mehr als Medienbildung. Sie ist eine Schlüsselkompetenz für eine handlungsfähige Gesellschaft und Demokratie. Genau das ist der Ansatz, den wir bei #UseTheNews verfolgen. Wir setzen uns für das Ziel ein, jedem Schulkind in Deutschland bis 2030 ein verbindliches Unterrichtsangebot zur Förderung von Nachrichten- und Informationskompetenz zu machen. Dafür arbeiten wir intensiv an Pilotprojekten, die Nachrichtenkompetenz dauerhaft im Schulalltag verankern. Ein konkreter Ansatz dabei: die Stärkung von Medien-AGs an Schulen. Dort können Jugendliche kontinuierlich eigene Inhalte entwickeln, journalistische Werkzeuge erproben und ein tieferes Verständnis dafür aufbauen, wie Nachrichten entstehen – und warum das für sie relevant ist.

Wer Journalismus selbst erlebt, begreift ihn nicht als abstrakte Institution, sondern als etwas Handhabbares. Und wer versteht, wie Journalismus funktioniert, entwickelt eher Vertrauen in ihn – und in die Fakten, auf denen demokratische Teilhabe beruht.

Nachrichtenkompetenz ist dabei keine Aufgabe, die Schulen allein stemmen können – und keine, die Medienhäuser delegieren sollten. Sie ist eine gemeinsame Investition in eine Öffentlichkeit, die auch morgen noch auf verlässliche Information gebaut ist.

Was Medienhäuser jetzt konkret anders machen sollten

Aus diesen Erkenntnissen ergibt sich eine übergeordnete Konsequenz: Wer junge Zielgruppen erreichen will, muss Journalismus konsequenter aus ihrer Perspektive denken. Das bedeutet keineswegs, jedem TikTok-Trend hinterherzulaufen oder journalistische Standards aufzugeben. Es bedeutet, sich ehrlich damit auseinanderzusetzen, welche Rolle Journalismus im Alltag junger Menschen spielt.

Zusammengefasst lassen sich fünf Empfehlungen ableiten:

1. Nicht nur für junge Menschen produzieren, sondern mit ihnen

Viele Redaktionen entwickeln Jugendformate noch immer ohne echte Beteiligung junger Menschen. Dabei zeigt unsere Erfahrung: Der direkteste Weg zu relevanten Formaten führt über Co-Creation. Im Rahmen unseres „Competence Centers Young Audiences“ unterstützen wir Medienhäuser dabei, gemeinsame Projekte mit Jugendlichen zu gestalten und neue Formate zu erproben. Ein besonders erfolgreiches Format sind dabei sogenannte „Ideathons“, bei denen Schüler gemeinsam mit Journalistinnen unter Zeitdruck neue Formatideen entwickeln – von TikTok-Konzepten bis zu Podcastformaten. Die Ergebnisse sind oft überraschend, weil junge Menschen sehr präzise benennen können, welche Inhalte für sie relevant wirken. Vor allem aber entsteht dabei ein Perspektivwechsel auf beiden Seiten: Redaktionen erhalten unmittelbare Einblicke in Lebenswelten und Nutzungsmuster junger Zielgruppen; Jugendliche erleben Journalismus als etwas, das offen, gestaltbar und zugänglich ist.

2. Journalismus transparenter machen

Wer Einblick gewährt, schafft Glaubwürdigkeit. Behind-the-scenes-Formate, offene Redaktionskonferenzen, Live-Q&As oder dialogische Formate schaffen Nähe und Verständnis. Junge Menschen wollen wissen, wie Journalismus funktioniert – nicht nur, welche Ergebnisse am Ende stehen.

3. Plattformgerecht erzählen

Plattformgerecht zu arbeiten, bedeutet nicht, journalistische Inhalte zu banalisieren, sondern die Kommunikationslogiken einer Plattform ernst zu nehmen. Junge Menschen konsumieren Inhalte heute häufig mobil, fragmentiert und nebenbei. Aufmerksamkeit entsteht schneller und geht schneller verloren. Verständlichkeit, persönliche Ansprache und emotionale Anschlussfähigkeit spielen dabei eine ebenso wichtige Rolle wie journalistische Qualität. Die eigentliche Herausforderung lautet: Wie lässt sich journalistische Qualität so erzählen, dass sie in plattformbasierten Informationsräumen sichtbar und relevant wird? Das bedeutet nicht weniger Qualität. Entscheidend ist die Schaffung von Nähe und Authentizität, um langfristig eine Community aufzubauen.

4. Journalistinnen und Journalisten sichtbarer machen

Vertrauen entsteht zunehmend über Personen, nicht über Institutionen. Medienhäuser müssen deshalb stärker darüber nachdenken, wie journalistische Persönlichkeiten aufgebaut werden können – nicht um Journalistinnen zu Influencern zu machen, sondern um Expertise und Persönlichkeit sichtbar werden zu lassen. Das bedeutet nicht, dass jeder Journalist und jede Journalistin zum Content Creator werden muss. Der Aufbau eigener Stimmen und Gesichter im Journalismus ist jedoch eine Frage, mit der sich Redaktionen aktiv auseinandersetzen müssen – auch wenn die Antworten je nach Format, Zielgruppe und Ressourcen unterschiedlich ausfallen können.

5. Förderung von Nachrichtenkompetenz als Zukunftsstrategie verstehen

Nachrichten- und Informationskompetenz wird in vielen Häusern noch immer als gesellschaftliche Zusatzaufgabe betrachtet. Tatsächlich ist sie längst Teil der Zukunftsstrategie von Medienorganisationen, denn Vertrauen in Journalismus kann nicht vorausgesetzt werden, wenn junge Menschen nie erlebt haben, wie er funktioniert. Deshalb verbinden wir bei #UseTheNews Schulen und Medien miteinander, um voneinander zu lernen. Besonders wirksam sind dabei Co-Creation-Formate: Wer Journalismus selbst erlebt, versteht nicht nur seine Funktionsweise besser, sondern erkennt oft auch seinen gesellschaftlichen Wert.

Fazit

Junge Menschen wenden sich nicht grundsätzlich von Journalismus ab. Viele fühlen sich von klassischen Angeboten schlicht nicht angesprochen, weil sie ihre Lebenswelt darin kaum wiederfinden.

Die Erkenntnisse aus sechs Jahren #UseTheNews-Forschung und Praxisprojekten machen deutlich: Das Problem ist keine Gleichgültigkeit, sondern mangelnde Anschlussfähigkeit. Diese Lücke lässt sich nicht allein mit neuen Formaten schließen. Sie erfordert eine ehrliche Auseinandersetzung damit, welche Rolle Journalismus im Alltag junger Menschen spielt.

Dabei geht es um mehr als eine Zielgruppe. Die Verschiebung hin zu plattformbasierten Informationsräumen, personalisierten Feeds und dem Vertrauen in Personen statt Marken betrifft nicht nur Jugendliche. Diese zeigen lediglich früher, wie sich Mediennutzung grundsätzlich verändert.

Die Frage, wie Journalismus das Vertrauen junger Menschen gewinnt, ist deshalb keine Nischenfrage. Sie ist eine der zentralen Zukunftsfragen des Journalismus insgesamt.

 

Disclaimer: Dieser Beitrag ist zuerst erschienen im BDZV-Jahresreport Digital 2026

 

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