Wir starten ein Labor für eine neue Form von Social-Media-Journalismus
#UseTheNews

„Wir starten ein Labor für eine neue Form von Social-Media-Journalismus.”

Wie lassen sich junge Menschen mit vertrauenswürdigen Nachrichten erreichen? Eine Frage, deren Beantwortung im Superwahljahr 2024 umso dringender wird. Gleichzeitig gibt es seit einem Dreivierteljahrhundert Meinungs- und Pressefreiheit in Deutschland. Auch die dpa als Gemeinschaftsunternehmen der deutschen Medien feiert ihr 75-jähriges Jubiläum. Vor diesem Hintergrund hat die Nachrichtenkompetenz-Initiative und dpa-Tochter #UseTheNews das „Jahr der Nachricht” ausgerufen. Warum damit ein einmaliges Experiment startet, erklären Meinolf Ellers, Geschäftsführer von #UseTheNews, und Vanessa Bitter, Projektleiterin für das „Jahr der Nachricht”. 

Was ist das „Jahr der Nachricht”? Wie ist die Idee dazu entstanden?

Meinolf: Das Jahr der Nachricht ist ein Weckruf. In diesem Projekt konzentriert sich die ganze Netzwerk-Power von #UseTheNews, die wir in vier Jahren aufgebaut haben. Vor dem Hintergrund von 75 Jahren Grundgesetz und angesichts der schon krisenhaften Entfremdung zwischen Teilen der Bevölkerung und dem Nachrichtenjournalismus wollen wir ein starkes Gegensignal setzen. Wenn wir uns nicht um den Erhalt der informierten Gesellschaft kümmern, gefährdet das die Demokratie.

#UseTheNews – die „Streetworker” in der News-Literacy-Vermittlung

Die Initiative #UseTheNews erforscht die Nachrichtennutzung und -kompetenz junger Menschen und entwickelt auf dieser Basis neue Informations- und Bildungsangebote. Um zu verstehen, wie junge Menschen Nachrichten konsumieren, ist #UseTheNews mit ihnen im Gespräch und lädt sie ein, in der Community mitzumachen. Initiiert wurde #UseTheNews von der dpa und der Hamburger Behörde für Kultur und Medien. Verschiedene Partner aus Medien, Bildung und Schulwesen bilden ein wachsendes Netzwerk. Mehr Infos gibt es auf der Website von #UseTheNews.

Das „Jahr der Nachricht” spricht vor allem junge Menschen an, richtig?

Vanessa: Das „Jahr der Nachricht” ist zunächst wie #UseTheNews selbst auf die 14- bis 24-Jährigen ausgerichtet. Aber es wird auch eine nationale Öffentlichkeitskampagne geben, weil der Verlust von Nachrichtenkompetenz inzwischen zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem geworden ist. Und wir können jüngere Menschen auch nur erreichen, wenn ihre Eltern, die Großeltern, die Freundinnen und Freunde, die Lehrerinnen und Lehrer, uns dabei unterstützen. 

Auf welche Erkenntnisse stützt ihr euch? Anders gefragt: Wie begeistert man junge Menschen für Nachrichten und Journalismus?

Meinolf: Unsere Mission und Arbeit wird geleitet von dem Satz einer 16-jährigen Schülerin, den wir immer wieder zitieren: „Ich weiß gar nicht, was Nachrichten mit meinem Leben zu tun haben.“ Sie hat 2021 an einer großen Grundlagenstudie zur Mediennutzung junger Menschen teilgenommen, die wir gemeinsam mit dem Hamburger Senat beim Leibniz-Institut für Medienforschung beauftragt haben. In dem Satz kommt alles zum Ausdruck: die Entfremdung, die Entkopplung zwischen den Lebenswelten der Jugendlichen und dem klassischen Journalismus. Wir müssen das irgendwie heilen, wir müssen das wieder zusammenbringen. Das können wir nur tun, indem wir Journalismus so erzählen, dass er direkt andockt an der Lebenswirklichkeit der Jugendlichen. Das kann er nur tun, wenn er sich der Formate und der Plattformen bedient, auf denen die Jugendlichen unterwegs sind. Das heißt im Zweifel ist es nicht Text, sondern es ist Audio und Video, im Zweifel sind es nicht die Nachrichtenportale, sondern es sind TikTok, Instagram, YouTube.

Ein weiterer Punkt ist: Wir müssen Journalismus entmystifizieren. Journalismus ist keine Geheimwissenschaft und nichts für Eliten, sondern Journalismus ist ein Handwerk. Im Jahr der Nachricht” wollen wir den Jugendlichen genau das vermitteln: Ihr könnt diesem Handwerk zuschauen, wie ihr dem Tischler über die Schulter schaut, wenn er ein Werkstück einspannt und mit Feile und Säge daran arbeitet. Und es gibt junge Journalisten, die professionell dieses Handwerk gelernt haben und ein Werkstück bearbeiten, und das Werkstück heißt zum Beispiel Ukraine-Krieg.

Dann sind es also zwei Stränge, die im „Jahr der Nachricht” eine Rolle spielen: Jungen Menschen zeigen, wie Journalismus funktioniert, und News so aufbereiten, dass sie sich angesprochen fühlen.

Vanessa: Ich würde noch eine dritte Komponente dazu nehmen: Nicht nur zeigen, sondern vor allem  auch mitwirken lassen.

Meinolf: Genau, das ist das nächste Thema: Partizipation. Es soll ablaufen wie das Praktikum in einer Tischlerei. Du fängst an und guckst nur zu und irgendwann gibt dir die Tischlerin ein Stück Holz in die Hand und sagt: So, jetzt versuch mal selber. Am Ende geht es darum, nicht nur diese Entfremdung, die stattfindet, umzukehren, sondern vor allem auch den Vertrauensverlust. Wir wissen, dass es einen dramatischen Vertrauenstransfer gegeben hat weg vom Journalismus hin zu den Creators. Im Jahr der Nachricht” versuchen wir zu verstehen, warum die Jugendlichen bereit sind, ihnen zu folgen und nicht den Angeboten des Journalismus. Deshalb bedienen wir uns der Erfolgsmittel, der Stilmittel der Creators ganz bewusst.

Wie wird das in den kommenden Monaten konkret aussehen?

Vanessa: Um die 14- bis 24-Jährigen zu erreichen, haben wir drei Module. Mit dem „Social News Desk” starten wir ein Labor für eine neue Form von Social-Media-Journalismus. Damit wollen wir den Jugendlichen zeigen, wie eine Redaktion arbeitet. Mitte Januar haben wir unser Redaktionsteam aufgestellt, das aktuelle nachrichtliche Inhalte für TikTok, Instagram und YouTube aufbereiten wird. Auch hier leitet uns die Kernfrage: Was haben Nachrichten mit meinem Leben zu tun? Das Team versucht, darauf öffentlich eine Antwort zu finden.

Sehr spannend. Wo wird der Social News Desk zu sehen sein? 

Vanessa: Wir starten jetzt zunächst mit 9:16 Inhalten auf TikTok, Insta, YouTube Shorts. Ende März/Anfang April wird es dann mit einer Live-Sendung auf YouTube und wohl auch Twitch weitergehen.

So richtig selbst mitmachen wie in einer Tischlerei können junge Menschen dabei aber noch nicht…

Vanessa: Neben unseren Medienpartnern können auch Schülerinnen und Schüler unserer Partnerschulen beim Social News Desk mitwirken. Darüber hinaus umfasst das „Jahr der Nachricht“ ein weiteres Modul, das wir „Newscamps“ nennen. Im letzten Jahr gab es bereits das erste Newscamp auf der TINCON Hamburg, einer Jugendkonferenz für Digitalkultur. Damit haben wir eine Event-Reihe gestartet, wo Jugendliche in Form von Workshops, Vorträgen und Mitmach-Stationen aktiv erfahren, was Journalismus eigentlich ist und wie sie Desinformation erkennen können. Wir wollen ihnen also auch Praxistipps mit an die Hand geben. 2024 planen wir mindestens ein Newscamp in jedem Bundesland.

Jacqueline Rother und Kian Badrnejad vom dpa-Faktencheckteam produzieren mit Jugendlichen ein Video beim ersten Newscamp im Rahmen der TINCON 2023 in Hamburg. Foto: Tina Hagge/dpa

Wie bezieht ihr Themen mit ein, die für junge Menschen in ihrem direkten Umfeld wichtig sind?

Meinolf: Uns beschäftigt als Teil der dpa-Gruppe natürlich auch die Frage: Wie hilft das, was wir machen, unseren Gesellschaftern, in diesem Fall vor allem den Regionalmedien. Wir planen als dritte Säule im Jahr der Nachricht „Modellprojekte” zwischen Schulklassen und Lokalredaktionen. Es laufen bereits zwei Pilotprojekte in Ostfriesland und in Hamburg-Bergedorf. Dabei geht es um die Zukunft der jeweiligen Region. Eine Schulklasse beschäftigt sich zum Beispiel mit dem Klimawandel und dem steigenden Meeresspiegel an der Nordseeküste. Für die Jugendlichen stellt sich vielleicht die Frage: Macht es Sinn, dass ich das Hotel meiner Eltern übernehme, wenn sich herausstellt, dass es in 30 oder 40 Jahren meinen Wohnort nicht mehr gibt? Die Jugendlichen führen dann zum Beispiel ein Interview mit einem Bürgermeister und fragen ihn nach den Plänen zum Deichschutz. Vorzugsweise werden diese Inhalte mit dem Smartphone produziert und es sind Podcasts oder Video-Interviews. Die Lokalzeitung veröffentlicht das Ergebnis als Koproduktion, und die Jugendlichen haben die Möglichkeit, Inhalte in ihren eigenen Social-Media-Timelines zu teilen. Aktuell sind wir in engem Austausch mit dem BDZV und einzelnen Zeitungsverlagen, um weitere Modellprojekte auf den Weg zu bringen. Die ersten Erfahrungen aus Ostfriesland und Bergedorf sind sehr positiv, die Jugendlichen sind begeistert. Ein Podcast aus Bergedorf wird in den nächsten Wochen veröffentlicht.

Stichwort dpa: Als Nachrichtenagentur feiern wir in diesem Jahr unser 75-jähriges Jubiläum. Wie dockt dpa an das „Jahr der Nachricht” an? 

Meinolf: Als dpa haben wir im Grunde schon vor fünf Jahren angefangen, indem wir #UseTheNews auf den Weg gebracht haben. Mittlerweile ist das Projekt in eine gemeinnützige GmbH überführt. Das Thema Nachrichtenkompetenzvermittlung ist eine weltweite Herausforderung. Als Gemeinschaftsunternehmen der deutschen Medien gehen wir hier voran und alle anderen können dann viel leichter mitmachen, als dies alleine möglich wäre. 

Vanessa: Beim Social News Desk wirken unsere Medienpartner mit, und so macht es auch die dpa. Volontärinnen und Volontäre können Themenwochen am Social News Desk zum Beispiel in Form einer Volo-Station begleiten. Zweitens planen wir im Museum für Kommunikation in Berlin ein großes gemeinsames Newscamp, das im Oktober stattfindet. Dort wird unter anderem die dpa-Faktencheckredaktion eingebunden sein und jungen Menschen zeigen, wie Factchecking funktioniert. Darüber hinaus werden wir weitere Workshop-Formate gemeinsam mit den Redaktions-Teams anbieten, zum Beispiel von den dpa-Kindernachrichten.

Meinolf: Ein echter Höhepunkt wird eine Ausstellung zum Thema Nachrichten im Museum für Kommunikation. Auf der einen Seite wird es eine Ausstellung sein, die sehr stark die Geschichte der Nachrichtenagenturen und die Rolle der dpa beleuchtet, auf der anderen Seite ist das Museum seit dem Start von #UseTheNews Kooperationspartner. Und natürlich wird sich diese Ausstellung didaktisch auch ganz ganz stark an Schülerinnen und Schüler wenden. Da sieht man, wie die Dinge wunderbar zusammenkommen.

Jubiläumsjahr 2024: Die dpa wird 75 Jahre alt

Deutschlands größte Nachrichtenagentur wurde 1949 gegründet. Meilensteine und historische Fotos sind auf unserer Website veröffentlicht.

Eine Öffentlichkeitskampagne soll alle Aktionen überspannen. Könnt ihr dazu noch ein paar Details sagen?

Vanessa: Die Kampagne wird Ende Februar an den Start gehen. Es wird eine eigene Website geben, eine Plakatkampagne und verschiedene Aktionen auf sämtlichen Plattformen von Social Media, OOH (Out of Home) bis hin zu einem Spot im Kino. Da arbeiten wir mit verschiedenen Testimonials aus Film und Social Media zusammen. Ziel ist es, über Desinformation aufzuklären und auf die Bedeutung von Nachrichten aufmerksam zu machen. Auf der Website werden wir ganz viel Hintergrundwissen sammeln sowie Informationen zu unseren Projekten für die junge Zielgruppe.

Ihr habt mal gesagt, dass ihr jede Bundesbürgerin, jeden Bundesbürger mindestens einmal mit der Kampagne in Kontakt bringen wollt. Das klingt mutig!

Vanesa: Das ist unser ambitioniertes Ziel, das kann man schon sagen.

Meinolf: Ja, das trauen wir uns zu. Dadurch, dass so viele Mediengattungen und Medienpartner dabei sind – dazu gehören der gesamte Hörfunkbereich über die Radiozentrale, die großen Sender ARD und ZDF, RTL, ProSiebenSat.1 – kann man schon optimistisch sein, dass das wirklich breit ankommt.

Vanessa: Außerdem wird es eine Mitmach-Kampagne geben auf Social Media. Wir wollen also nicht nur mit den Testimonials arbeiten, die dort zu sehen sind, sondern alle ermutigen, die dafür werben wollen, und ihnen eine Plattform geben.

Die vier Säulen im „Jahr der Nachricht”. Bild: #UseTheNews

Insgesamt ein Mega-Projekt. Wie organisiert ihr euch?

Vanessa: Wir haben ein Kernteam, das nennen wir „Mission Control”. Dort laufen alle Fäden zusammen und wir sind im laufenden Austausch mit unseren #UseTheNews-Partnern. Für den Social News Desk arbeiten wir zudem eng mit dem österreichischen Digitalverlag Hashtag.jetzt und dem Hamburger Bürger- und Ausbildungskanal TIDE zusammen. Die Werbeagentur brinkertlück betreut die Öffentlichkeitskampagne. Eingebunden ist auch die OMG, die Organisation der Mediaagenturen in Deutschland.

Meinolf: Das ist ja für dpa ein eher ungewohntes Terrain, wir sind ja nicht Teil der Werbewirtschaft. Aber dadurch, dass die OMG ganz früh gesagt hat, wir organisieren die Kampagne, und wir mit Raphael Brinkert einen der führenden Kreativen in Deutschland gewinnen konnten und jetzt auch noch den Gesamtverband der Kommunikations- und Werbeagenturen GWA, der uns im Hintergrund unterstützt – dadurch haben wir tatsächlich die Chance, dass auch die Kreativen mitmachen. 

Da auch die Wissenschaft so stark eingebunden ist, wird es sicher am Ende des Jahres eine Art Studie geben. 

Meinolf: Wir wollen das „Jahr der Nachricht” in zwei Formaten festhalten. In den kommenden Monaten werden wir versuchen, Empfehlungen umzusetzen, die eine erste Studie zu den gering Informationsorientierten im Oktober 2023 definiert hat. Danach richten wir uns und messen das ganze Jahr über den Fortschritt. Das Ergebnis wird eine weitere Studie des Leibniz-Instituts sein. Als Gegenstück planen wir ein Whitepaper, das praktikables Wissen für Redaktionen enthält, die sagen: Was ihr gemacht habt mit dem Social News Desk, das wollen wir in einigen Punkten auch mal ausprobieren.

Also ist das Jahr der Nachricht” im Grunde ein riesengroßes Experiment.

Meinolf: Das ist ein wichtiges Wort, das wir selbst ganz bewusst nutzen. Wir sagen immer: Wir haben da draußen eine riesige Herausforderung. Wir verlieren eine ganze Generation für die Nachrichten. Das ist gefährlich. Bei der Frage, wie man das aufhalten kann, müssen wir ganz viel experimentieren, ausprobieren. Wir werden Fehler machen, wir werden uns auch mal verlaufen bei irgendwas. Und dann wird es darauf ankommen, daraus zu lernen. Und das ist der Charakter von Experimenten.

Vielen Dank für das Gespräch!

Notizblock:

LinkedIn: Meinolf Ellers
                Vanessa Bitter

Mehr zum Thema: https://www.usethenews.de/de/jahr-der-nachricht-2024

Foto oben: Christian Charisius/dpa

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