#UseTheNews

Gering ausgeprägtes Interesse? Verständnis von Nachrichten und Journalismus im Wandel

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Das veränderte Nachrichtennutzungsverhalten junger Zielgruppen ist derzeit nicht nur in den Medien ein viel beachtetes Thema. International beschäftigen sich Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen mit der Frage, wie sich junge Menschen heutzutage informieren. Hier setzt das Projekt #UseTheNews an. Wir als Leibniz-Institut für Medienforschung erweitern aktuell zusammen mit den Projektpartnern und der dpa das bestehende Wissen zu diesem Thema und liefern Fakten für eine breit angelegte Diskussion. Was wissen wir bisher?

Die bevölkerungsrepräsentativen Studien zur Nachrichtennutzung, wie die kürzlich veröffentlichte Ausgabe des Reuters Digital News Report, zeichnen ein ambivalentes Bild: Junge Internetnutzerinnen und Nutzer im Alter zwischen 18 und 24 Jahren haben nur ein gering ausgeprägtes allgemeines Interesse an Nachrichten – zumindest an klassischen „hard news“.

Die meisten erreichen nachrichtliche Informationen am ehesten über soziale Medien. Zwar werden Plattformen wie Instagram, YouTube, Facebook und Co. überwiegend nicht gezielt für die Suche oder die Rezeption von Nachrichten genutzt, aber junge Nutzerinnen und Nutzer kommen dort beiläufig in Kontakt mit Nachrichteninhalten und fühlen sich dadurch – für ihre Bedürfnisse – ausreichend über aktuelle Ereignisse in Deutschland und der Welt informiert. Dennoch vertrauen Jugendliche und junge Erwachsene Nachrichten in sozialen Medien kaum, was auch mit einer Entkopplung der Verbindung einhergeht, dass „Nachrichten“ mit journalistischen Quellen assoziiert werden.

So ist zu beobachten, dass in den vergangenen Jahren auch die Unsicherheit angestiegen ist, ob man Nachrichten ganz allgemein vertrauen kann oder nicht. Dementsprechend ist in dieser Gruppe der Anteil ausgesprochen klein, der unabhängigen Journalismus als wichtig für das Funktionieren einer Gesellschaft erachtet.

Die Dominanz sozialer Medien im Alltag der jungen Nutzerinnen und Nutzer hat Auswirkungen auf ihr Verständnis von Nachrichten und ihre Vorstellung von Journalismus, wie neue Erkenntnisse aus qualitativen Mediennutzungsstudien zeigen. Grundsätzlich sind normativ geprägte Annahmen und Vorstellungen über Nachrichten und Journalismus vorhanden; bei den Jugendlichen werden diese überwiegend in der Schule vermittelt und auch das Elternhaus kann eine entscheidende Rolle spielen, wenn es darum geht, konkrete Nutzungsgewohnheiten und Präferenzen für Nachrichtenangebote weiterzugeben.

Das zeigen auch erste Erkenntnisse des #UseTheNews Projektes, die im Rahmen von Diskussionsrunden mit 14 bis 24-Jährigen geführt wurden. In dieser Altersgruppe werden als Nachrichten vor allem Ereignisse wahrgenommen, die persönlich einen thematischen oder geografischen Bezug oder direkten Einfluss auf die Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben. Gerade für 14 bis 17-Jährige sind alltagsrelevante Themen wie Mode, Musik oder Umwelt wichtiger als politische Themen.

Dabei spielen ansprechende Nachrichteninhalte in dieser Altersgruppe eine größere Rolle als die Tatsache, ob eine Information von einer journalistischen oder nicht-journalistischen Quelle kommt. „Für mich macht das auch keinen großen Unterschied, von wem das kommt. Hauptsache der Inhalt stimmt, also wie es geschrieben ist und auch Bilder oder Videos sind oft auch sehr ausschlaggebend für mich“, erklärt zum Beispiel David, ein 16-Jähriger Schüler aus Hamburg.

Die tatsächliche Wahrnehmung von Journalismus wird bei jungen Menschen allerdings maßgeblich durch ihre (Nutzungs-) Erfahrung in sozialen Medien geprägt. Und dort tummelt sich allerhand – nicht nur journalistische, sondern auch nicht-journalistische Akteure wie YouTuber, Influencer, Schauspieler und Musiker verbreiten subjektive Informationen. Diese Akteure orientieren sich nicht immer an den klassischen Nachrichtenfaktoren, sondern greifen auch gerne in die Trickkiste der Emotionalisierung, Dramatisierung oder verbreiten polarisierende Inhalte.

Es zeichnet sich also ein Wandel im Verständnis von Nachrichten und Journalismus ab, der durch die Dominanz sozialer Medien im Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen vorangetrieben wird und neue Herausforderungen für Nachrichtenmacher mit sich bringt. Im Rahmen des #UseTheNews-Projektes wollen wir, das sind Uwe Hasebrink, Direktor, Sascha Hölig, Senior Researcher, und Leonie Wunderlich, wissenschaftliche Mitarbeiterin, vom Leibniz-Institut für Medienforschung I Hans-Bredow-Institut daher herausfinden, wo und wie sich die Menschen in Deutschland im digitalen Zeitalter informieren und wie kompetent sie im Umgang mit Nachrichten sind. Damit kommt der Wissenschaft eine besondere Bedeutung zu: Aus der Vogelperspektive kann sie einen Blick auf die Beziehung zwischen Journalismus und Gesellschaft liefern und ist ein wichtiger Impulsgeber für Politik und Medienmacher.

In der #usethenews-Studie werden zwei wissenschaftliche Methoden kombiniert: In einer qualitativen Vorstudie sprechen wir in Gruppendiskussionen mit Jugendlichen (14 bis 17-Jährige), jungen Erwachsenen (18 bis 24-Jährige) und Erwachsenen (40 bis 50-Jährige). Dabei geht es darum, ein Gefühl dafür zu bekommen, wie diese Gruppen jeweils ticken: Wie werden Nachrichten in der jeweiligen Gruppe genutzt und wahrgenommen? Wie kompetent sind die Personen der jeweiligen Gruppe bei der Suche und Nutzung von Nachrichten und auf welche Quellen verlassen sie sich?

In einem nächsten Schritt wird eine bundesweite Face-to-Face Befragung mit jeweils 500 Personen dieser Altersgruppen durchgeführt. Dadurch sollen verallgemeinerbare Erkenntnisse zur Nachrichtennutzung im Vergleich zwischen Alters- und Bildungsgruppen gewonnen und Kompetenztypen identifiziert werden.

Bislang liegen erste Ergebnisse aus den Gruppendiskussionen vor, die darauf hinweisen, dass zielgerichtete Nachrichtennutzungsroutinen im Alltag von jungen Nutzerinnen und Nutzern keine bedeutende Rolle spielen: Vielmehr scrollen sie durch den News-Feed sozialer Medien wie Instagram, YouTube und Twitter während sie an der Bushaltestelle stehen, auf der Arbeit sind oder abends im Bett liegen; Push-Nachrichten von installierten Apps liefern über den Tag verteilt zusätzliche Informationshäppchen. Diese Nachrichtennutzung hat auch einen Einfluss auf das Bedürfnis, sich gezielt informieren zu müssen.

„Wenn man auf Instagram über seine Startseite scrollt, dann was sieht und auch durchliest, dann hat man die Themen im Hinterkopf und in der Schule wird dann darüber geredet. Oder in der Pause mit Klassenkameraden und so wird das dann vertieft. Ich habe nicht das Gefühl, dass man sich explizit über Themen informieren muss, weil das so von selber kommt“, erzählt Jonas, ein 17-Jähriger Schüler aus Hamburg.

Als langfristiges Ziel des Projektes gilt daher neben der Entwicklung von Angeboten, die junge Nutzergruppen ansprechen, auch das Bereitstellen von Wissen für neue Konzepte der Vermittlung von Nachrichtenkompetenz und -wissen in Schulen.

Zusammenstellung Studien inklusive Links

Reuters Digital News Report 2020
Galan, L., Osserman, J., Parker, T., & Taylor, M. (2019) How Young People Consume News and the Implications for Mainstream MediaAnna Sophie Kümpel (2020) Nebenbei, mobil und ohne Ziel? Eine Mehrmethodenstudie zu Nachrichtennutzung und -verständnis von jungen Erwachsenen
Christian-Mathias Wellbrock, Christopher Buschow (2020) Money for Nothing and Content for Free?
Tamboer, S. L., Kleemans, M., & Daalmans, S. (2020) ‘We are a neeeew generation’: Early adolescents’ views on news and news literacy.
BPB/Sinus-Studie (2020) Wie ticken Jugendliche?
Institut für Demoskopie Allensbach (2020) Die Vermittlung von Nachrichtenkompetenz in der Schule
Vodafone (2020) Studie zur politischen Beteiligung junger Menschen in Deutschland

Notizblock:
Bei twitter: Leonie Wunderlich 
Bei twitter: Hans-Bredow-Institut
Im Web: https://leibniz-hbi.de/de

 

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