Storytelling

Journalismus in Zeiten der Polarisierung: neun Empfehlungen von Jeff Jarvis

Angesichts der zunehmenden gesellschaftlichen Polarisierung in den USA und in weiten Teilen Europas wirft der amerikanische Journalist und Autor Jeff Jarvis den Informationsmedien Versagen vor und fordert tiefgreifende Veränderungen. „Unser wichtigster Job ist es, dem öffentlichen Diskurs zu dienen.“ An dieser Aufgabe sei der Journalismus zuletzt gescheitert.

Jarvis, der im Rahmen des jüngsten Scoopcamps (24. September) vom Hamburger Senat und der dpa mit dem Scoop-Award für seine Verdienste als Brückenbauer zwischen den Internet-Plattformen und den traditionellen Medien geehrt wurde, verwies in einer Rede auf die Auseinandersetzungen rund um die Bekämpfung der Corona-Pandemie oder die Kommunikationspolitik des amerikanischen Präsidenten Donald Trump.

Jarvis, der an der City University New York lehrt, gab neun Empfehlungen, mit denen der Journalismus auch im digitalen Zeitalter seinen öffentlichen Aufgaben gerecht werden könne:

Jeff Jarvis scoopcamp 2020
Jeff Jarvis auf dem scoopcamp 2020. Foto: Christian Charisius

1. „Wir brauchen Möglichkeiten, zuzuhören.“ Das Internet sei bislang vor allem ein Ort, sich mitzuteilen und zu reden. Das gebe vielen Gruppen eine Stimme, die bislang zu kurz gekommen sein. Es könne aber auf Dauer keinen Diskurs und keine Unterhaltung geben, wenn es nicht gelinge, sich gegenseitig zuzuhören.

2. „Was ist wert, gehört zu werden und wer ist wert, gehört zu werden?“  Wie könne man den Menschen helfen, in dem immer größeren Durcheinander von Stimmen die vertrauenswürdigen und verlässlichen Quellen zu finden. Bislang hätten die Medien diese Aufgabe übernommen. Aber ihr traditioneller Blick auf das Einordnen von Stimmen und Quellen habe sich als zu begrenzt erwiesen.

3. „Wir benötigen bessere Wege, um die Öffentlichkeit zu informieren.“ Der Journalismus müsse mehr von anderen Disziplinen lernen und sich mit ihnen vernetzen. Nötig sei beispielsweise ein Dialog des Journalismus mit den Wissenschaften, um zu verstehen, was Menschen antreibe, die sich lieber auf Fake News, Verschwörungstheorien und „alternativen Fakten“ einließen als auf journalistische Berichterstattung.

4. „Wir müssen überdenken, was es eigentlich heißt, die Öffentlichkeit zu informieren.“ Es reiche nicht mehr aus, die Fakten zu vermitteln. Medien und Plattformen sollten etwa helfen, „die Fremden weniger fremd“ zu machen. Es gelte, „das Andere“ oder „die Anderen“ so zu entzaubern, dass sie nicht mehr dämonisiert werden könnten. Dafür müsse Journalismus lernen, das Mikrofon auch mit anderen Stimmen zu teilen.

5. „Wir müssen uns die Mittel der Argumentation zurückerobern.“  Derzeit verlerne die Öffentlichkeit immer mehr zu argumentieren, zu debattieren und zu diskutieren. „Wir schreien uns gegenseitig an.“  Nötig sei die Rückkehr zu produktiven Formen der Auseinandersetzung.

6. „Wir brauchen bessere Werkzeuge der Zusammenarbeit.“ Ähnlich wie die Wikipedia, die einen Konsens für bekanntes Wissen anstrebe, oder Wissenschafts-Plattformen, auf denen Forscher ihre Ergebnisse frühzeitig austauschten, um gemeinsam zu neuen Erkenntnissen zu kommen, brauche es Angebote, auf denen zu einem Thema die unterschiedlichen Argumente verschiedener Seiten geteilt und diskutiert werden könnten. Journalisten würden oft nur Zitate aneinanderreihen.

Jeff Jarvis (City University of New York) erhält scoop Award 2020. Hamburgs Kultur- und Mediensenator Dr. Carsten Brosda (r.) überreichte die Auszeichnung auf digitalem Wege. Foto: Christian Charisius

7. „Death to the mass.“ Aus Sicht von Jarvis ist das Zeitalter der Massenmedien endgültig vorbei.  Es sei auch für den Journalismus nicht mehr angebracht, die Menschen so zu behandeln als seien alle gleich. Das Internet habe das Geschäftsmodell der Massenmedien zerstört. Schon die Idee der Masse sei eine Beleidigung der Gesellschaft.

8. „Wir benötigen bessere Möglichkeiten, Kommunikation wieder zu spiegeln.“ Meinungsumfragen seien nur darauf aus, Wirklichkeit zu reduzieren und zu vereinfachen. Damit zerstörten sie die Grundlagen des Diskurses. Wenn Journalismus sich der Umfragen bediene, gebe er oft nur Zerrbilder wieder.

9. „Wir sollten als Journalisten eine humane Stimme entwickeln und unsere institutionelle Stimme hinter uns lassen.“ Ihr werde in weiten Kreisen der Bevölkerung nicht mehr vertraut. „Sie ist nicht ehrlich.“

Die vollständige Rede von Jeff Jarvis gibt es hier zum Nachhören.

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Meinolf Ellers
Chief Digital Officer
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